Daumier und die ollen Griechen

Ausstellung in der Galerie Kunstlade Zittau
7. März - 6. April 2008

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

beginnend in Marseille, wo Honoré Daumier am 26. Februar 1808 das Licht der Welt erblickte, werden dem großen Künstler in diesem Jahr weltweit 50 Ausstellungen gewidmet. 14 in Deutschland, 12 in Frankreich, 12 in den USA, vier in der Schweiz, drei in Großbritannien und je eine in Japan, Südkorea, Kanada, Italien und Tschechien. Dass unter so klangvollen Ausstellungsorten wie Paris, New York, Oxford, Zürich, Berlin, Hannover, Düsseldorf und München auch Zittau dabei ist, kann uns schon ein wenig mit Stolz erfüllen. Zu Recht werden Sie fragen, wie es dazu kam. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Anfang der 30er Jahre begann ein junger Mann namens Georg Grulich in der Zittauer Künstlerszene von sich reden zu machen. Er nahm Zeichenunterricht bei Carl Paul, wurde Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft der Lausitzer bildenden Künstler“ und beteiligte sich an Ausstellungen in Bautzen, Dresden und Reichenberg. Als ihm jedoch im Sommer 1934 die hübsche Herta Junghanns aus Düsseldorf über den Weg lief, verliebte er sich unsterblich und fuhr ihr Hals über Kopf ins Rheinland nach. Wenig später wurde sie seine Frau. Heil aus der Kriegsgefangenschaft in die Rheinmetropole zurückgekehrt, wurde er dort schon bald zu einem bekannten und geachteten Maler.
Viele seine Bilder fanden nicht nur in den großen Düsseldorfer Museen und Galerien ihren Platz, sondern auch im Rathaus und anderen öffentlichen Gebäuden. Noch heute zieren Grulichs Stadtbilder das Dienstzimmer des Oberbürgermeisters.

Georg Grulich setzte sich kurz nach der Wende mit dem Zittauer Stadtmuseum in Verbindung und bot uns die Schenkung seines Frühwerkes an. Als Dr. Helmut Voigt und ich den Maler bald darauf in Düsseldorf besuchten, um die Bilder in Empfang zu nehmen, freute er sich so sehr, dass er dem Zittauer Museum zusätzlich noch eine Spende von 10.000 DM überwies. Während unseres Besuchs machte er uns mit der Familie Knippenberg bekannt, die zu seinen engsten Freunden zählte. Leider ist Georg Grulich ein Jahr später gestorben. Renate und Franz Knippenberg haben unsere Arbeit seither auf vielfältige Art und Weise unterstützt. Jahr für Jahr legten sie auf die 10.000 DM von Georg Grulich einige Tausender drauf. Daraus entstand der sog. „Grulich-Fonds“, aus dessen Zinserträgen wir Werke einheimischer Künstler für unsere Sammlung ankaufen konnten. Besonders tatkräftig unterstützten sie die Restaurierungsarbeiten in der Kreuzkirche, die Habsburg-Ausstellung und manches mehr.

Knippenbergs halfen aber nicht nur mit Geld, sondern warben in Ihrem großen Kunden-, Bekannten und Freundeskreis immer wieder für Zittau und seine Museen. Dabei machten sie uns mit vielen interessanten Leuten bekannt. So kam auch der Kontakt zu dem bekannten Düsseldorfer Schauspielerehepaar Dieter Prochnow und Hanna Seiffert zustande. Die passionierten Daumier-Sammler führten uns 1999 durch die Ausstellung „Heinrich Heine – Honoré Daumier, zwei Zeitmaler in Paris“, die im Düsseldorfer Heinrich Heine Haus gezeigt wurde.
Damals entstand die Idee, eine Daumier-Ausstellung in Zittau zu organisieren. Prochnows machten uns mit der Honoré-Daumier-Gesellschaft bekannt. Mit ihrer Hilfe konnten wir 2004 im Heffterbau die Exposition „Honoré Daumier – aktueller denn je! Europäische Visionen“ zeigen. Im Ergebnis dieser für mich persönlich sehr befruchtenden Zusammenarbeit gelang es, Zittau als einen Ausstellungsort für die Daumier-Gesellschaft zu „listen“. Durch die Bauarbeiten im Stadtmuseum fiel der Heffterbau für die diesjährige Jubiläumsschau aus. Umso verdienstvoller ist es, dass der Oberlausitzer Kunstverein und vor allem die Leiterin der Galerie Kunstlade, Frau Ehlert, das Angebot sofort aufgriffen. Sie stellten nicht nur diese schönen Räume zur Verfügung, sondern übernahmen auch die gesamten Vorbereitungsarbeiten. Frau Ehlert wurde dabei tatkräftig von Ihrem Mann unterstützt. Beiden gilt ein sehr herzliches Dankeschön. Ich freue mich auch, dass die Idee einer Finissage aufgegriffen wurde. Sie wird am 28. März um 19.00 Uhr ebenfalls hier in der Galerie Kunstlade stattfinden. Dieter Prochnow wird dabei sein und Texte von Wilhelm Busch lesen, der ja Zeitgenosse von Daumier war.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Honoré Daumier ist zweifellos einer der größten Karikaturisten. Aber er ist weit mehr als das. Er gehört zu den bedeutendsten Malern des 19. Jahrhunderts und steht in einer Reihe mit Jacques Louis David, Eugéne Delacroix, Jean-Baptiste Corot, Jean-Francois Millet, Gustave Courbet oder auch Adolph Menzel und Ilja Repin. Sein Zeitgenosse und Freund Charles Baudelaire bezeichnete ihn als „einen der wichtigsten Männer der modernen Kunst überhaupt“.
1830, im Jahr der Juli-Revolution, Daumier war gerade mal 22, gründete der Verleger Charles Philipon die Wochenzeitschrift „La Caricature“. Dazu hatte er junge Schriftsteller und Künstler um sich geschart. Vier Seiten Text und Anzeigen wurden pro Ausgabe gedruckt und mit zwei bis drei aktuellen Bildsatiren illustriert, vorerst noch eingelegt als lose Blätter. Möglich wurde das, nachdem der Münchner Theaterschriftsteller Alois Senefelder in der 1790er Jahren die Lithografie erfunden hatte. Eine Technik, bei der der Künstler seine Zeichnung mit besonderer Kreide auf eine Kalksteinplatte bringt. Dieses Verfahren revolutionierte die Druckgrafik. Sie wurde dadurch wesentlich flexibler und schneller als das vorher mit der Radierung oder dem Holzschnitt möglich war. Honoré Daumier war besonders in dieser neuen Technik ein absoluter Könner. Außerdem hatte er ein unglaubliches bildnerisches Gedächtnis. Noch nach einem halben Jahr konnte er aus der Erinnerung das Portrait eines Menschen zeichnen.

Als 1832 die ersten Zeichnungen Daumiers in „La Caricature“ erscheinen, ist er der Obrigkeit schon bald ein Dorn im Auge. Mit der Figur des „Gargantua“, dem unersättlichen Fresser und Säufer aus Rabelais Roman „Gargantua und Pantagruel“, hatte er schon ein Jahr zuvor die Herrschenden aus der Fassung gebracht. Jedermann erkannte den „Bürgerkönig“ Louis Philipe, den Daumier als riesigen Birnenkopf darstellte. Seine Schergen schieben ihm die vom Volk abgepressten Tribute in den weit geöffneten Schlund. Unter dem Thron – einem Toilettenstuhl nicht unähnlich – warten die Günstlinge auf das, was für sie dabei herauskommt.

Die Zensur schlägt im Februar 1832 zu: sechs Monate Haft auf Bewährung.
Doch schon im August erregen Daumiers „Weißwäscher“ erneut den Zorn der Monarchie: Drei skrupellose Royalisten wollen aus der Trikolore wieder eine weiße Bourbonen-Fahne machen. Der erst napoleonische und dann monarchistisch gewendete Marschall Soult, der Pariser Polizeipräsident Guisquet und der Generalstaatsanwalt Persil stehen an einem Waschzuber und schrubben die Fahne der Revolution. Darunter steht geschrieben: „Das Blau geht zwar raus, aber dieses teuflische Rot klebt wie Blut“. Wegen Majestätsbeleidigung wird die Bewährung aufgehoben und Daumier muss für sechs Monate ins Gefängnis.

„La Caricature“ wurde durch die rigorose Pressezensur immer wieder mit Prozessen überhäuft und musste schließlich ihr Erscheinen einstellen. Philipon hatte aber rechtzeitig eine weitere satirische Tageszeitung herausgegeben, die die direkte Konfrontation mit der Zensur geschickt zu vermeiden lernte: „Le Charivari“ erschien erstmals im Dezember 1832. Nach seiner Entlassung arbeitete Daumier jetzt für diese Zeitung. Den König stellte er nun geflissentlich nur noch von hinten oder symbolisch als übergroße Birne dar, wobei dem Leser natürlich klar war, wen er meinte.

Das Frankreich des 19. Jahrhunderts ist ein höllisches Paradies für Karikaturisten. Die Revolutionen von 1830 und 1848, die Zerschlagung der zweiten Republik durch Napoleon III., die Niederlage gegen Deutschland 1870, die Dritte Republik und die Pariser Kommune. Und immer wieder wirft die Zensur der Presse Knüppel zwischen die Beine. Als Karikaturist wird Daumier praktisch über Nacht ein Star, vom Volk geliebt, von der jeweiligen Obrigkeit gehasst. Ihn treibt sein unbeugsamer humanistischer Idealismus. Er kämpft gegen Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
Zielscheibe seines Spotts sind Klerus, Politik, Justiz und „das groteske Treiben der Welt“. Er kämpft für die Republik und um sein tägliches Brot. Daumier wird zum Medienmann der ersten Stunde – ein Tagelöhner der Presse. Dabei greift er raffiniert in die mediale Trickkiste: Für seine Serien entwirft er markante Typen, die – obwohl frei erfunden – jedermann erkennt. Auch das ist ein Winkelzug, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen.

Da ist zum Beispiel die Figur des „Robert Macaire“, der Prototyp des skrupellosen Emporkömmlings zur Zeit der Julimonarchie. Daumier stellt die vielfältigen Machenschaften dieser Schmarotzerschicht bloß, die Menschen auf eine brutale und kriminelle Weise betrügt. Und er macht deutlich, dass der betrügende Bürger letztlich nichts anderes ist als ein Appendix des Staates, der seinerseits ebenfalls das arbeitende Volk ausnimmt.

1850 erfindet Daumier den „Ratapoil“, die haarige Ratte, eine schmierige, verschlagene, dürre Gestalt ohne Rückgrat, mit Gehrock, Zwirbelbart und Schlagstock. Sie verkörpert den Bonapartismus des zweiten Kaiserreiches: Hinterhältigkeit, Heuchelei, Spitzeltum und nackte Gewalt.

Dieser Honoré Daumier hat mit seinen unverwechselbaren karikativen Kunstwerken einer ganzen Epoche den Spiegel vorgehalten. Er schuf mehr als 4.000 Lithografien und über 1.000 Holzschnitte.
Hinzu kommen rund 300 Gemälde, die im Verhältnis zu seinem grafischen Werk eher rar anmuten, dafür aber zu den Meisterwerken des Realismus gehören. Als Karikaturist war er immer an den Tag gebunden, an das Verfallsdatum der Zeitung. Dennoch, der sezierend hinguckende Menschenbeobachter Daumier hat es vermocht, alles Banale, Alltägliche, alles Vergängliche wie durch ein Vergrößerungsglas zu sehen. Mit improvisierendem Strich hat er das Paris seiner Zeit eingefangen und eine unvergängliche Bilderwelt daraus gemacht. Der selbstgerechte Spießer, das sprichwörtliche arme Schwein, die Gruselgarde der Tagespolitiker – das waren für Daumier Lieblingsobjekte seiner Neugier. Auch seiner Zuneigung. Einer Zuneigung, die bei aller Gnadenlosigkeit des Hinguckens manchmal sogar ein Lächeln aufblitzen lässt.

Die Verschärfung der Pressegesetze zwang den Verleger Philipon, in seiner Zeitung von den politischen Themen auf weniger verfängliche Genremotive auszuweichen. Hier können wir nun eine bemerkenswerte Veränderung in Daumiers Werk beobachten: weg von der harten anklagenden Karikatur und hin zur fast liebevollen, verständigen Beobachtung seiner Mitmenschen. Nie waren diese Darstellungen sarkastisch oder bösartig. Im Gegenteil. Die oft ausweglosen Alltagssituationen der Menschen in Daumiers Darstellungen entlocken uns noch heute ein vergebendes und mitfühlendes Schmunzeln, das seinen Ursprung in unseren eigenen Erfahrungen hat.

„Alle Schätze des Schrecklichen, Grotesken, Unheimlichen und Närrischen, Daumier kennt sie“, schreibt Baudelaire.
„Den lebenden Leichnam des Verhungernden, den feisten Kadaver des Gesättigten, die lächerlichen Erbärmlichkeiten des Ehestandes, alle Dummheiten, alle stolzen Einbildungen, alle Begeisterungen, alle Verzweiflungen des Bourgeois, nichts fehlt. Niemand hat ihn so wie er gekannt …, den Bourgeois, dieses letzte Relikt des Mittelalters, diese zählebige gotische Ruine, diesen zugleich so banalen und so exzentrischen Typus. Daumier hat aufs engste mit ihm zusammengelebt, hat ihn Tag und Nacht belauert, hat die Geheimnisse seines Alkovens erfahren, hat sich mit seiner Frau und seinen Kindern verbündet, er kennt die Form seiner Nase und die Beschaffenheit seines Kopfes, er weiß, welcher Geist das Haus von unten bis oben beseelt.“

Sicherlich eine der schönsten Serien, die von Dezember 1841 bis Januar 1843 im „Charivari“ erschien, ist Daumiers „Histoire Ancienne“. „Alte Geschichte“ – unter dieser Überschrift stehen die 50 Blätter, die Hanna Seiffert und Dieter Prochnow freundlicherweise nach Zittau ausgeliehen haben. Der Streit zwischen Klassizismus, Romantik und Realismus in der Malerei war voll im Gange, als Delacroix die brisante Frage stellte: „Wer befreit uns endlich von den alten Griechen?“ Es schien an der Zeit, dass die Kunst neue Wege ging und sich von einer verstaubten Mythologie löste. Daumier beantwortete die Frage auf seine Art: Er stellte die antiken Gestalten wie Herakles, Pygmalion, Agamemnon, Paris, Helena und viele andere in absurden Situationen dar und relativierte damit die gängige Auffassung der Antike. Er zog das etablierte klassische Theater und auch die klassische Malerei ins Lächerliche.

Direkt hinter mir hängt das Blatt mit der Nummer 16. Es trägt den Titel „Der Faden der Ariadne“. Daumier nimmt damit eine der heroischsten und zugleich tragischsten Geschichten aus der griechischen Sagenwelt auf die Schippe. In der Hoffnung, nicht all zu viele Eulen nach Athen zu tragen, möchte ich die Tragödie kurz erzählen.

Vor etwa 4.000 Jahren war Kreta die überragende Macht im östlichen Mittelmeerraum. Wer von Ihnen das Glück hatte, Knossos und das hervorragende Museum in Heraklion zu besuchen, kann die Leistungen der minoischen Kultur erahnen. Im Labyrinth von Knossos trieb der schreckliche Minotaurus sein Unwesen. Alle neun Jahre mussten die Athener sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen zu König Minos schicken, der sie dem Menschenstier opferte. Theseus, der Sohn des attischen Königs Aigeus, erbot sich, mit den Opfern nach Kreta zu segeln und das Ungeheuer zu töten. In Knossos angekommen, verliebte sich Ariadne, die Tochter des Königs, in den jugendlichen Helden. Sie gab ihm ein gefeiltes Schwert und ein Fadenknäuel. Mit dem Zauberschwert könne er das grausame Untier töten und mit dem Faden aus dem Labyrinth herausfinden. Theseus schafft das alles und flieht mit den geretteten Athenern und der schönen Ariadne auf sein Schiff. Bei der Abreise setze er in der Eile das traditionelle schwarze Segel. Aigeus hatte Theseus jedoch gebeten, bei einer glücklichen Rückkehr ein weißes Segel zu setzen. Diese Bitte vergaß der Held. Als das Schiff in Piräus einlief, sah Aigeus das Trauersegel und stürzte sich aus Gram ins Meer. Seither wird es das Ägäische genannt.

Daumier hat diese heroische Geschichte völlig entzaubert. Er versetzt sie in eine barocke Parklandschaft, in der Theseus stolpernd mit dem Fadenknäuel seinen Weg sucht. Dem Helden fehlen alle Attribute von Mut und Tapferkeit. Der schwächliche Körper und die eingeknickten dürren Beine scheinen die Last des übergroßen Helmes kaum tragen zu können. Mit halbgeschlossenen Augen stiert er stumpf vor sich hin. Das Zauberschwert rutscht ihm förmlich über die ausgezehrten Hüften. Überhaupt nicht vorstellbar, dass dieser Ritter von der traurigen Gestalt den Minotaurus besiegen und Ariadne betören könnte.

Charles Baudelaire schreibt über die „Histoire Ancienne“:
„Daumier ist brutal über die Antike hergefallen, über die falsche Antike – denn niemand fühlt stärker als er, was die Antike Großes hatte – er hat darauf gespuckt: und der schäumende Achill, und der listereiche Odysseus, und die brave Penelope und Telemach, der lange Einfaltspinsel und die schöne Helena, die Troja zugrunde richtete, kurzum alle und jeder stehen in jener possierlichen Hässlichkeit vor uns, wie die schlotterichen alten Heldendarsteller, die in den Kulissen eine Prise Tabak schnupfen. Das war ein höchst amüsantes Sakrileg, das auch einen gewissen Nutzen gestiftet hat. Ich erinnere mich eines lyrischen und heidnischen Dichters unter meinen Freunden, der sehr empört darüber war. Er nannte dies eine Ruchlosigkeit und sprach von der schönen Helena, wie andere von der Jungfrau Maria sprechen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Daumiers Kunst konfrontiert uns letztendlich mit der Frage: Was ist eigentlich Humor? Humor berührt unser Herz und kitzelt unsere Seele. Er ist eine individuelle Empfindung und wird von jedem anders verstanden und gefühlt. Humor ist eine Geisteshaltung und nicht erlernbar. Neben Geist und Witz setzt er vor allem ein großes Maß an Herzensgüte voraus, an Geduld, Nachsicht und Menschenliebe. Es gehören Mut und Charakter dazu, die Dinge mit Humor darzustellen. Daumier ist dafür ins Gefängnis gegangen, andere Künstler haben dafür ihre Karriere und ihren künstlerischen Ruf aufs Spiel gesetzt, da sie als „unseriös“ eingestuft wurden.
Trotzdem – gerade deshalb schleichen sie sich mehr in unsere Herzen, als mancher sogenannte „ernsthafte“ Künstler. Das ist wohl auch der Grund, dass Dieter Prochnow bei der Finissage am 28. März Wilhelm Busch lesen wird.

Gestatten Sie mir zu Schluss noch eine Überlegung, die mich bei der Beschäftigung mit dem Thema sehr bewegt. Wir leben in einer ganz anderen Zeit. Ich bin sicher, Delacroix würde heute nicht mehr fragen: „Wer befreit uns endlich von den alten Griechen?“ Wahrscheinlich würde er genau das Gegenteil fragen: „Wann beschäftigen wir uns endlich wieder etwas mehr mit ihnen?“ Mussten sich zwei drei Generationen vor uns zumindest an den humanistischen Gymnasien noch ausgiebig mit der griechisch –römischen Mythologie und Götterwelt beschäftigen, so stellen wir heute eine erschreckende Unkenntnis über diese Dinge fest. Selbst das Wissen über die Ursprünge des Christentums und die Inhalte der Bibel ist völlig unterentwickelt. Vom Islam oder anderen Kulturkreisen will ich gar nicht reden. Die humanistische Bildung liegt so im Argen, dass mir manchmal angst wird. Meine Enkeltochter besucht die fünfte Klasse am Gymnasium und hat eine einzige Stunde Geschichte pro Woche. Wenn Menschen nicht mehr wissen, woher sie kommen, verlieren sie leicht die Orientierung. Ich halte das für sehr bedenklich.

Insofern vermittelt uns diese Ausstellung noch eine ganz andere Botschaft als die, die Daumier mit seinen Blättern ursprünglich bezweckte. Wir können sie erst dann richtig verstehen, wenn wir uns wieder mit den Geschichten beschäftigen, von denen sie handeln. Ich wünschte mir, dass die Geschichtslehrer und Kunsterzieher des Zittauer Gymnasiums diese Ausstellung mit ihren Schülern stürmen und sie zur augenzwinkernden Wissensvermittlung nutzen.
Wer sich die Zeit nimmt, diese Ausstellung in sich aufzunehmen, den wird sie berühren, der wird den Feinsinn und den Humor erahnen, den Daumier vermitteln will. Eine augenzwinkernde Antike mit alltäglichen Helden und menschlichen Göttern, wie man sie nie zuvor erlebt hat oder wie sie vielleicht tatsächlich war.

Für diese Rede wurden verwendet:
1. Grimm, Birgit: Europäische Visionen. Städtische Museen Zittau zeigen politische
Blätter des Franzosen Honoré Daumier. In Sächsische Zeitung, 29. April 2004
2. Recke, Matthias (Hrsg): Wahre Helden? Daumier und die Antike. Katalog zur Ausstellung. Gießen 26. April bis 22. Juli 2007
3. Weichert, Britta: Ein Tagelöhner für die Presse – Kämpfer, Karikaturist und Medienmann der ersten Stunde. In: www.daumier.net/html/britta_weichert__daumier.html
4. Welk, Peter: Unvergängliche Bilderwelten. Jubiläumsausstellungen zum 200. Geburtstag eines Genies. In: düsseldrfer hefte, 03-2008