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Bericht über die Teilnahme am Symposion „Honoré Daumier – Wiederbegegnungen und neue Einsichten“ in der Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“ in Winterthur (Schweiz) am 9. Februar 2008
Frau Reinhard-Felice, Leiterin der Sammlung, begrüßte die Teilnehmer und gab einen Abriß über die Entstehung der Sammlung. Sie begann 1914, als Oskar Reinhart 28 Jahre alt war. 1919 wurde er Erbe des beträchtlichen Familienvermögens. 1911 traf er erstmals Gerstenberg. Ab 1922 kaufte er bei ihm mehre Werke, auch nach 1948 bei dessen Erben. In seinem Tagebuch, ab 1923, steht gelegentlich. „ ... gehört in meine Sammlung“.
Juerg Albrecht, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich „Bild als Waffe: Die politischen Lithographien des jungen Honoré Daumier zwischen Karikatur und Historienbild, 1830 – 1835“ Er stellte die Delteil – Nummern 23, 33, 37, 92,116, 130, 135, 205 und 297 vor, sowie Blätter aus „La Caricature“, die von Daumiers Kollegen Desperret, Bouquet und Anonymen stammen. Ebenso zeigte er Philipons Birnenskizzen. Bei den Anonymen gab es auch Darstellungen zu dem Massaker in der Rue Transnonain. Delteil 135 sei in der Komposition schon 1614 bei Rubens in der „Beweinung Christi“ vorweggenommen.
Judith Wechsler, Tufts University, Department of Art and Art History, Medford, Massachusetts „Daumier: Allegorical versus Activist Women“ Sie stellte die Delteil – Nummern 84, 93, 206, 1227, 1231, 1233, 1245, 1253, 1254, 1259, 1260, 1746, 1769, 1773, 1794, 1918, 1920, 1925, 2150, 2153, 3552, 3585, 3644, 3708, 3712, 3717, 3745, 3784, 3808, 3813, 3823 und 3873 vor. Aus den ausgewählten Lithographien leitete sie Daumiers Frauenbild ab. Von den ersten politischen Darstellungen gelangt er zu der bürgerlichen Frau, die sich bilden und emanzipieren möchte, und kehrt in den späteren Jahren zur politischen France zurück, die auch die Namen Liberté, République und Paix tragen kann. Alle diese Allegorien bezeichnen denselben Frauentypus. Die Vortragende verwies auch auf Delacroix’s La liberté guidant le Peuple und auf Daumiers La France nourrit ses Enfants.
Ségolène Le Men, Université de Pais X, Nanterre « Entre mémoire et imagination : le cycle des amateurs et l’évocation du musée imaginaire selon Daumier » („Zwischen Gedächtnis und Vorstellungskraft: der Kreis der Liebhaber/Sammler und die Darstellung des imaginären Museums durch Daumier“) Sie stellte die meisten der bei Bouvy und Maison gezeigten Darstellungen vor, die Sammler und Betrachter von Gemälden und Grafiken betreffen, sowie die Delteil – Nummern 1, 89, 496,1227, 1243, 1260, 2675, 2965, 3243, 3267 und 3767. (Delteil 3767 ist die Parodie einer Statue von Préault, die im Salon ausgestellt wurde). Mit den ausgewählten Motiven legte sie dar, daß Daumiers Wunsch, sich als Maler ausdrücken zu können, in den versteckten Hinweisen auf Gemälde in seinem grafischen Werk klar erkennbar ist. Als Lithograph habe er sich von Rubens, Watteau und Cruikshank inspirieren lassen.
Margret Stuffmann, ehemalige Leiterin der Graphischen Sammlung im Städel- Museum, Frankfurt „Daumier – der Blick nach innen, Beobachtungen zu seinem Spätwerk“ Anhand der bei Maison und Bouvy abgebildeten Blätter von Musikanten, Gauklern und Straßenpassanten zeigte die Vortragende, daß die Dargestellten einen nach innen gewandten Blick haben. Dazu gehört auch Delteil 3610. Ähnlich wie Daumier selbst, der nie in die Linse der Fotografen Nadar und Carjat schaute, blicken die Dargestellten nicht in Richtung des Betrachters dieser Daumier – Werke. Sie sprach von einem „gestörten Verhältnis“ Daumiers zwischen Wirklichkeit und Kunst. Er sei ein Künstlerphilosoph. Sie verwies auch auf Manets Absinthtrinker von 1859. Nachahmer Daumiers in dieser Personendarstellung ist Beckmann in seinen Selbstbildnissen und in seinen Bildern der Zirkuswelt. Überall dort gibt es verwirrende Linien.
R. M. Mason, ehemaliger Leiter des Cabinet des Estampes im Musée d’Art et d’Histoire in Genf „ Daumier. La technique et l’écriture“ Im Musée des Beaux-Arts in Lyon gibt es drei Zeichnungen Daumiers, die Ringer zeigen. Ihre verschlungenen Körper sind symptomatisch für Daumiers Darstellung von Bewegung und Beständigkeit. Er verwies auch auf Delteil 2137 sowie ähnliche Szenen bei Michelangelo und da Vinci. Daumiers Gemälde, die Ringer zeigen, befinden sich in den Museen von Bukarest, Kopenhagen und in der Rosewald Collection in Washington.
Philippe Kaenel, Université de Lausanne „ Les points de vue de Daumier" (« Daumiers Standpunkte « ) Er stellte die Delteil- Nummern 355, 433, 537, 580, 857, 1235, 1309, 1769, 2243, 2347, 3144, 3037, 3144, 3198 und 3534 vor und zitierte aus Baudelaires Urteil über Daumier, aus den Schriften von Arsène Alexandre, Henri Foncillon sowie aus dem Vorwort von Jean Cassou zum Ausstellungskatalog in Marseille 1979. Auch zeigte er ein Foto Daumiers von Carjat, um 1861, und das Ölgemälde von Boulard, um 1872, das Daumier darstellt. Eine klare Aussage über Daumiers Standpunkte ging aus diesem Vortrag nicht hervor. Das war ohnehin ein schwieriger Versuch. Daumier hat sich ja selbst nicht dazu geäußert. Zitate von Zeitgenossen und Nachgeborenen sind eben nicht die persönliche Meinung des Künstlers.
Zusammenfassung und Beurteilung; Die Teilnahme war ein besonderes Erlebnis, da das Symposion im größten Raum des Museums stattfand, in dem auch Gemälde von Daumier hängen. In den Pausen war Gelegenheit, seine Gemälde in den anderen Räumen zu betrachten. Der Meister war also ständig präsent. Die Vortragenden, deren Schriften ja bekannt sind, waren ein Zirkel, der sich sichtlich schon lange kennt. Wer deren Beiträge zu Daumiers Leben und Werken gelesen hat, konnte aus diesem Symposion nichts wesentlich Neues entnehmen, mit Ausnahme des Vortrages von Ségolène Le Men, die Daumiers „heimliches“ Bildermuseum in seinen Lithografien herausstellte. Die Vorträge sollen in einem Kompendium erscheinen.
Rudolf Josche
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